Wolfsmanie
Die im Schwarzwald längst ausgestorbenen wilden Tiere Luchs und Wolf finden nach und nach den Weg zurück in den Südwesten. Zwei Luchse sind gesichtet worden und wahrscheinlich ist ein Wolf bei Lahr überfahren worden. Wie sieht der Leiter der Nationalparksverwaltung Schwarzwald Wolfgang Schlund die Rückkehr der wilden Tiere? Die Mittelbadische Presse hat nachgefragt.
Um allen Missverständnissen vorzubeugen, oute ich mich gleich: Eines meiner Lieblingstiere ist der Wolf! Und das schon seit meiner Kindheit. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Wolf auch in meinem Namen trage. Vielleicht daran, dass ich – wenn man meinen Eltern glauben darf – schon als Kind eine starke Vermutung hatte, dass Märchen wie »Rotkäppchen und der böse Wolf« oder »Die sieben Geißlein und der böse Wolf« nicht stimmen konnten und mir der Wolf trotz aller bösen Worte sympathisch war. Eine Sympathie, die durch ein intensives Studium der Zoologie noch mehr bestärkt wurde.
Um nochmals Missverständnissen vorzubeugen: Trotz meines Studiums bin ich kein ausgemachter Wolfsexperte – nur ein Wolfsfreund.
So, und nun ist er da, der Wolf. Zurück in Baden-Württemberg! Im Nu hat er die Seiten der Gazetten gefüllt und es auf Anhieb in die Nachrichten von Funk und Fernsehen gebracht. Viele Tier- und Naturschützer jubeln, einige Jäger sind besorgt, einige Schäfer entsetzt und einige Mitglieder der Jungen Union halten ihn schlicht für gefährlich. Und ich? Ich bin traurig. Der Wolf ist zurück? Nein, ist er nicht. Ein Tier, vermutlich ein Wolf, lag tot am Straßenrand. Ist er Jagdkonkurrent? Reißt er Schafe? Fällt er Menschen an? Ein toter Wolf? Sicher nicht.
Ja, wenn er wirklich da wäre, wenn mehrere Wölfe wieder den Schwarzwald besiedeln würden, wenn wir Menschen ihn mit großer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit als Wildtier unserer Heimat begreifen würden und wenn er nicht die Zeitungen füllen würde, dann würde ich jubeln. Übrigens, auch Baden-Württemberg hätte den Platz und geeignete Lebensräume wie den Schwarzwald, um Wölfen eine Heimat zu bieten. Die kleine Schweiz beispielsweise macht uns das vor.
Wenn er da wäre, dann würde er mit Sicherheit auch Rehe, Hirsche und Wildschweine jagen. Was für ein besonderes Erlebnis müsste es für jeden Jäger sein, einen solchen Jagdkollegen in seinem Revier zu haben. Ein Jäger übrigens, der jagen muss, um zu überleben und niemals so viele Rehe reißen kann wie der Straßenverkehr.
Wenn er da wäre, dann würde er vielleicht auch, wenn er die Gelegenheit hat, Schafe reißen. Das wäre für die Schäfer, die von ihren Tieren leben müssen, schlimm und sie müssten, wie vorgesehen, alle erdenkliche Unterstützung bekommen. Übrigens, Unterstützung könnten die Schäfer auch ohne Wolf gut gebrauchen, indem wir beispielsweise einmal pro Woche einen regionalen Lammbraten auf unserem Mittagstisch hätten und nicht nur Freizeitkleidung mit Wolfstatzen, sondern auch Wollpullover tragen würden.
Wichtig zu erwähnen ist aber auch, dass der Wolf – wenn er wirklich da wäre – mit größter Vorsicht vor dem Menschen in unseren Wäldern leben würde. Die wenigsten von uns würden ihn je zu Gesicht bekommen, geschweige denn von ihm bedroht werden.
Ja, wenn er da wäre … Gerne hätte ich ihn gefragt, was er über uns Menschen denkt und welche Gefahren von uns für ihn ausgingen. Aber er lag ja tot am Straßenrand. Übrigens überfahren.