Bärbel von Ottenheim: "ehrsame" Frau oder Hexe?
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(Bild 1/2) Von 1430 bis 1484 lebte Bärbel von Ottenheim. ©Hans Weide
Eine Schule ist nach ihr benannt. Aber wer war Bärbel von Ottenheim? Für die einen eine »ehrsame« Frau, für die anderen eine Hexe.
Bärbel von Ottenheim! Wer war diese Frau? Was machte sie unsterblich? Wie hat sie gelebt? Vieles liegt im Dunkeln. Dennoch gibt es einige Quellen. Wie die Steinbüste von ihr, die von dem Bildhauer Nikolaus Gerhaert von Leyden geschaffen wurde. Sie schmückte mit der Büste des Grafen Jakob von Lichtenberg den Treppenaufgang der damaligen Staatskanzlei in Straßburg. Warum der Künstler diese beiden Menschen für seine Werke ausgewählt hat, ist nicht überliefert. Es wird jedoch vermutet, dass von Leyden ein freundschaftliches Verhältnis mit Jakob von Lichtenberg verband. Die Steinbüsten der beiden dürften jedoch eines der ersten Zeugnisse profaner Kunst in der Bildhauerei sein. Im Hinblick auf die Geschichte von Bärbel und Jakob war die Darstellung an dieser Stelle zudem äußerst mutig und gewagt.
Man schreibt das Jahr 1430. Um diese Zeit wurde Bärbel in Ottenheim geboren. Sie muss zu einer sehr schönen jungen Frau herangewachsen sein, denn das kann man an ihrem steinernen Kopf mit dem geheimnisvollen Lächeln erkennen. Nicht umsonst wird sie in der Literatur einige Male als die »deutsche Mona Lisa« oder »Nofretete« bezeichnet. Diese Schönheit war es auch, die Jakob von Lichtenberg aufgefallen sein muss. Er und sein Bruder Ludwig gehörten zu der mächtigsten Familie im Unterelsass mit Besitztümern rechts und links des Rheins. Ihr Stammsitz war die Burg Lichtenberg bei Buchsweiler.
»Ein Conkubinam«
Jakob war verheiratet und hatte keine Kinder. Ludwig jedoch hatte zwei Töchter, die somit die natürlichen Erben des Lichtenberger Landes waren. Eine von ihnen war mit Graf Simon Wecker zu Zweibrücken, und die andere mit Graf Philipp zu Hanau verheiratet. Jakobs Frau verstarb 1450, und danach nahm Jakob eine Geliebte zu sich. Er nennt sie »die ehrsame Bärbel von Ottenheim«. An anderer Stelle heißt es: Nach der Gräfin Absterben nahm er »ein Conkubinam, Bärbel von Ottenheim genannt«, zu sich, was schon eine andere Deutung zulässt.
Eine Maitresse zu haben war um diese Zeit nichts Besonderes und fast ein Privileg vieler Monarchen. Das hätte auch für Bärbel keine größeren Folgen gehabt, wenn es dabei geblieben wäre. Jakob behandelte sie jedoch wie eine Ehefrau (die Heirat einer Bürgerlichen war damals nicht möglich). Sie übernahm nicht nur die Verwaltung seiner Güter, sondern hatte sogar Siegelgewalt. Das rief sofort Bruder Ludwig und dessen Verwandtschaft auf den Plan, die um ihr Erbe fürchteten. Außerdem wollten es die Bediensteten am Hof und die Untertanen nicht hinnehmen, dass ihnen plötzlich ihresgleichen, und sogar eine »Hur«, wie sie genannt wurde, Befehle erteilte. Damals entstand sogar der Reimspruch: »Ein Hur auf einem Schloss, ein Bettler auf einem Ross, ein Laus in einem Grind, nicht find ich stolzeres Gsind.«
Ludwig gelang es, die Stimmung des Volkes gegen Bärbel zu schüren. Das ging so weit, dass die Männer von Buchsweiler nach Ingweiler zu Ludwig zogen und ihn um Unterstützung gegen die »bös Bärbel« baten. Nachdem Bärbel von ihren Frauen verlangte, dass sie ihre Männer zurückholen, bewaffneten sie sich mit Spießen, Heugabeln und ähnlichen Gegenständen und belagerten die Burg. Dies ist in die Geschichte als der »Buchsweiler Weiberkrieg« eingegangen. Der Belagerung schloss sich Ludwig an und so musste sich Jakob der Übermacht beugen.
Jakob musste sich von Bärbel trennen und die Herrschaft seinem Bruder überlassen. Bärbel zog nach Hagenau, wo ihr Jakob einen Hof gekauft hatte. Sie wird jedoch weiterhin vom Hass ihrer Feinde verfolgt, was sich auch nicht ändert, als sich die beiden Brüder am Sterbebett von Ludwig versöhnen. Jakob versucht, sie zu schützen, indem er alle ihre Handlungen rechtfertigt. Auch eine Ehe mit dem Hagenauer Fürsprech (Rechtsanwalt) Eucharius, die wahrscheinlich mit Zustimmung von Jakob zu ihrem Schutz geschlossen wurde, rettet sie nicht.
Ins Gefängnis mit ihr
Böse Zungen schürten weiter gegen sie. Zu ihnen gehörten hauptsächlich die Gatten der beiden Töchter Ludwigs, denen nach einer Beseitigung von Bärbel ihr gesamtes Vermögen zufiel. In der damaligen Zeit war es nicht schwer, jemanden der Hexerei zu bezichtigen, und im Falle der Bärbel konnte nur Zauberei das innige Verhältnis zwischen ihr und dem Graf zustande gebracht haben. So wurde sie 1484 unter der Anklage der Hexerei ins Hagenauer Gefängnis geworfen. Bärbel erhoffte wohl keine Rettung mehr aus ihrer verzweifelten Lage und machte ihrem Leben durch Erhängen ein Ende.
In der Literatur
Viele Romane wurden über die tragische Liebesgeschichte geschrieben. Unter anderem »Bärbel von Ottenheim« von Hermine Maierheuser, »Schön Bärbel von Ottenheim« von Otto Flake, »Wenn die Sterne dunkeln« von Natalie Beer und »Die schöne Badnerin« von Kurt Gayer.
Am Rande: das verschwundene Zimmer
In Ottenheim richtete Emil Baader 1954 eine Gedenkstätte an Bärbel im damaligen Gasthaus »Adler« mit Unterstützung des Eigentümers Ernst Reitter ein. Sie war eine von den vielen Heimatstuben, die der Historiker aus Lahr in Erinnerung an bedeutende historische Ereignisse und Persönlichkeiten in der Region schuf. Nachdem der nachfolgende Pächter, Karl Steinhausen, das Nebenzimmer entsprechend einrichtete, entstand dadurch die »Bärbel-von-Ottenheim-Stube«. Sie enthielt neben Fotos der Steinbüsten von Bärbel und ihrem Liebhaber Jakob von Lichtenberg viele Zeugnisse aus der Geschichte der beiden und ihrer Zeit. Leider wurde nicht die Gemeinde verständigt, als 1980 die Gasträume umgebaut und neu eingerichtet wurden. Die Exponate konnten nicht sichergestellt werden und landeten vermutlich im Müllcontainer. So gibt es heute nur noch Fotos von ihnen, die damals für einen Vortrag aufgenommen wurden.
Auch die zweite Erinnerungsstätte an Bärbel fand 2014 mit der Schließung des Gasthauses »Anker« in Ottenheim ein Ende. Sie wurde in Absprache mit dem Gastwirt Walter Stolz von Martin Frenk eingerichtet und sollte ein kleiner Ersatz für den Verlust der Stube im »Adler« sein. Allerdings wurden die Erinnerungsstücke diesmal erhalten. So erinnert heute nur noch das Bildnis in der Schwanauer Gemeinschaftsschule an die »schön Bärbel von Ottenheim«, als die sie in die Geschichte eingegangen ist.